Portrait Helen Heinemann

Helen Heinemann

 
Institut für Burnout-Prävention

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Warum Burnout nicht vom Job kommt

Die wahren Ursachen der Volkskrankheit Nr. 1.

2012 adeo Verlag in der Gerth Medien GmbH, Asslar
248 Seiten, 17,99 EUR – Bestell-Nr. 814 256 – ISBN 978-3-942208-56-7

erhältlich im Fachhandel:    Amazon

  Kurzzusammenfassung
  Das Buch in einzelnen Thesen
  Kritische Fragen an die Autorin

Mit ihrem neuen Buch demontiert Helen Heinemann die gängigen Vorstellungen über die Ursachen eines weit verbreiteten Phänomens. Die Verdichtung der Arbeitswelt, die Technisierung unseres Alltags, unser chronischer Zeitmangel – das alles sind nicht die wahren Gründe dafür, dass immer mehr Menschen in einen tief greifenden psychosomatischen Erschöpfungszustand fallen.

Helen Heinemann setzt stattdessen bei den Betroffenen selbst an. Sie sieht Frauen wie Männer chronisch angestrengt, weil mit der Auflösung der klassischen Geschlechterrollen ein Orientierungsverlust einhergegangen ist. Wer auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ keine klare Antwort mehr hat, sieht sich mit immer komplexer werdenden Erwartungen konfrontiert. Bei dem Versuch, möglichst viele davon zu erfüllen, scheitern die Menschen und brennen aus. Hilfreich ist deshalb die Suche nach der eigenen Identität, nach den eigenen Werten und Wünschen. Erst wenn die Menschen herausfinden, was für sie wahrhaft wichtig ist im Leben, können sie sich von falschen Erwartungen distanzieren.

Die Analyse der Expertin basiert auf ihren Erfahrungen aus der Burnout-Prävention und aus ihren Begegnungen mit mehr als tausend betroffenen Männern und Frauen in speziellen Intensivseminaren im Auftrag der Krankenkassen.

Definition von Burnout

Burnout ist ein tiefgreifender psychosomatischer Erschöpfungszustand, verbunden mit dem Verlust der Erholungsfähigkeit. Ursache und zentrales Merkmal ist eine emotionale Erschöpfung.

Das Buch in einzelnen Thesen

Gängige Erklärungsmuster und Behandlungsansätze sind unzureichend

Die meisten Erklärungsmodelle für Burnout treffen nicht das Problem. Viele Experten führen den Erschöpfungszustand vorrangig auf die Verdichtung der Arbeit, auf Zeitnot oder die Technisierung unserer Alltagswelt zurück. Diese hohe Verdichtung lasse die Betroffenen Energie verbrennen, die sie auf Dauer nicht haben, es tritt ein Burnout ein. Diese mechanistische Sichtweise greift meiner Ansicht nach zu kurz. Es ist vielmehr die Leere im Inneren, die die Menschen emotional müde zurücklässt, nicht eine chronische Überlastung. Dementsprechend wird Burnout in den meisten Fällen falsch behandelt. Das Konzept „weniger arbeiten“ greift einfach nicht. Die Betroffenen fallen in eine persönliche innere Leere zurück, wenn man sie auf lange Zeit krankschreibt, zur Kur schickt und sie damit zum Nichtstun verdammt.

Wer sind typische Ausbrenner?

Das Spektrum ist sehr breit und reicht von der hoch belasteten Führungskraft über die engagierte Altenpflegerin bis hin zur promovierten Hausfrau, die ihre Familie wie ein Unternehmen managt. Es gibt Gemeinsamkeiten. Burnout-Gefährdete sind vielseitig begabte Menschen, die über eine ausgeprägte soziale Intelligenz verfügen. Es sind Menschen, die gerne und viel arbeiten. Sie wollen ihre Sache gut machen und mit dem Ergebnis zufrieden sein. Es fällt ihnen äußert schwer, „nein“ zu sagen.
Spricht man länger mit den Betroffenen, entdeckt man tiefer liegende Parallelen. Burnout-Kandidaten haben ihr Leben oftmals auf eine individuelle Weise sehr selbständig gemeistert. Sie haben sich etwa aus den Vorgaben ihres Familiensystems gelöst und einen neuen Weg eingeschlagen. Diese Individualisierung erfordert allerdings die eigene Bedeutung aus sich selbst heraus definieren zu müssen. Ein Prozess, der in bestimmten Situationen zu emotionalem Stress führen kann.

Die Ursachen des Burnouts liegen im verborgenen Zweifel an der eigenen Identität

Die Ursachen liegen im Selbstbild der Betroffenen. Menschen brennen aus, weil sie ihre legitime, sichere Rolle im Leben nicht finden können. Deutlich umrissene Rollen reduzieren die Komplexität in einer Umwelt, die voller Reize, Anforderungen und Möglichkeiten ist. Wer ein klares Rollenverständnis hat und dieses ausleben kann, erhält Bestätigung von der Umwelt. Genau das fehlt denen, die ihre eigene Rolle erst selbst bestimmen müssen.

Der Wandel der Geschlechterrollen hat die Identitäten aufgeweicht

Die Erwartungen an die Frauen haben sich deutlich erhöht. Sie dürfen und sollen mehr. Sie sollen im Job gute Leistungen bringen und zugleich perfekte Partnerin und Mutter sein. Aber auch Männer sehen sich zum Teil mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: High Performance im Job reicht längst nicht mehr aus. Der „perfekte Mann“ ist zugleich ein verständnisvoller Chef, ein engagierter Vater und ein exzellenter Hobby-Koch. Die vermeintliche Gleichberechtigung zieht Rollenverbiegungen und Rollenkonfusionen nach sich, die die Betroffenen mit der zermürbenden Frage zurücklässt: Wer bin ich eigentlich?

Eine Rückkehr zu traditionellen Rollenmodellen ist keine Lösung

Die soziale Entwicklung der Frauen stellt andere gesellschaftliche Errungenschaften weit in den Schatten. Aber Frauen und Männer sollten sich darüber klar sein, dass Gleichmacherei keine Lösung ist. Ihre angeborenen Anlagen, die erworbenen Werte und die jeweils selbst wahrgenommene Identität sind durchaus verschieden. Männer und Frauen sollten sich in ihrem Rollenverständnis auf das berufen, was sie wirklich sind, und nicht auf das, was nach dem Kriterium der Geschlechtergleichheit richtig wäre.

Die Behandlung des Burnouts funktioniert über
die Beschäftigung mit der eigenen Identität

Der richtige Weg in der Burnout-Behandlung führt über eine Annäherung an das eigene Ich, die eigene Biographie. Es geht um die Erkundung der eigenen Identität, die sich wiederum aus engen Beziehungen zur Umwelt speist. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen und auf dieser Grundlage im Job und in der Partnerschaft zusammenzuarbeiten, ein Team zu bilden, in der nicht jeder das Gleiche tut, sondern individuell das gestalten und beitragen kann, worin jeweils die eigenen Stärken liegen. Jeder braucht eine Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu erkennen, einzusetzen und sich nicht ständig neuen Erwartungen und Anforderungen stellen zu müssen.

Betroffene können durch Coaching oder auch durch
eine Therapie lernen wieder zu sich zu kommen

In meinen Seminaren arbeite ich mit unterschiedlichen Methoden an der persönlichen Bestandsaufnahme und Zielentwicklung. So betrachten die Teilnehmenden unter anderem ihren familiären Stammbaum und erkennen anhand von Lebenswendepunkten welche Entscheidungen sie damals getroffen haben, um unter den gegebenen Umständen gut zurechtzukommen. Mit der beglückenden Erfahrung, dass sie heute frei sind, neue und passendere Entscheidungen für sich und ihr Wohlergehen zu treffen, ist die schlimmste Krise überwunden. Nun gilt es nur noch den eigenen Wünschen Raum zu geben und auf Grundlage der persönlichen Ressourcen die entsprechenden Umsetzungsstrategien zu entwickeln. Verschiedene Körperwahrnehmungsverfahren helfen zudem dabei, sich wieder gut zu fühlen.

Einigen Teilnehmern empfehle ich ein weiterführendes Coaching, um ihre eigenen Rollenmuster zu reflektieren und sich aus den daraus resultierenden Schieflagen zu befreien. Andere fragen mich nach Adressen für Psychotherapie, um das Nachdenken über sich selbst zu vertiefen.

Unternehmen stiften großen Nutzen indem sie ihren Mitarbeitern
Rollenklarheit und Zugehörigkeit ermöglichen

Auch wenn der Job nicht die Ursache des Burnouts ist, können verantwortliche Unternehmen dem entgegensteuern, indem sie für ihre Mitarbeiter ein Klima schaffen, das die Gesundheit fördert. Dazu gibt es viele Ansätze, von denen einige sich bewährt haben. Die Verbesserung der Beziehungskultur und die gemeinsame Ausrichtung auf ein Unternehmensziel gehören mit dazu.

Kritische Fragen an die Autorin

Ist Ihr Buch ein Plädoyer für ein Zurück der Frauen an den Herd? Immerhin hat die Rolle als Frau und Mutter mit ganz klaren Erwartungen früher anscheinend weniger Stress bedeutet.

Nein, ganz im Gegenteil. Die eindeutige Rollenzuschreibung war in der Vergangenheit stets mit der Unterdrückung der Frau und einer Einschränkung ihrer Rechte verbunden. Das kann sich niemand zurückwünschen. Ich plädiere vielmehr dafür, sich mit den neugewonnenen Möglichkeiten spielerisch auseinanderzusetzen. Frauen wie Männer.

Nehmen Sie Unternehmen nicht aus der Verantwortung?

Ich unterscheide zwischen Verantwortung und Schuldzuweisung, auch bei Unternehmen. Wenn Mitarbeiter erkranken, so haben Unternehmen selbstverständlich auch ein ganz eigenes Interesse daran, die Betroffenen zu unterstützen, wieder gesund zu werden. Dazu können sie beitragen, indem sie ein Klima schaffen, das ein gesundes Arbeiten ermöglicht. Das bedeutet zum Beispiel, dass das verantwortungsvolle Arbeiten im Team gefördert wird, eine Klarheit über die Unternehmenspolitik herrscht und die Vorgesetzten kommunizieren, welche Werte im Unternehmen gelebt werden.

Kann betriebliches Gesundheitsmanagement überhaupt greifen, wenn Burnout sowieso nichts mit dem Job zu tun hat?

Wenn Burnout nicht vom Job kommt, so heißt das nicht, dass es nichts damit zu tun hat. Der Umgang mit Stress am Arbeitsplatz etwa ist durchaus zu trainieren. Hier kann das Unternehmen Unterstützung leisten. Zum Beispiel, indem es den Betroffenen ein Coaching ermöglicht oder Auswege aus Stresssituationen zeigt.

Ist Burnout nicht sowieso eine Erfindung der Medien und die Betroffenen leiden eigentlich an einer Depression, die medizinisch behandelt werden muss?

Burnout-Betroffene sind klar von Menschen zu unterscheiden, die an einer Depression leiden und eine Behandlung benötigen. Manchmal sind die Übergänge fließend. Ein Burnout kann in eine Depression führen, wenn der Betroffene sich nicht mit den Ursachen auseinandersetzt. Die Medien haben das Symptom Burnout nicht erfunden. Aber die intensive Berichterstattung hat wohl dazu geführt, dass Menschen sich selbst besser beobachten und zum Arzt gehen, wenn sie erschöpft sind. Die vielen Beispiele von erkrankten Managern und erfolgreichen Frauen haben auch dazu geführt, dass man sich eines Burnouts nicht mehr schämen muss. Und das ist gut so. Insofern haben die Medien das Phänomen nicht hochgeschrieben, sondern aufgedeckt.

Sind Ihre Erfahrungen aus den Seminaren repräsentativ?

Eine Studie nach klinischen Methoden, wie beispielsweise bei einem Medikament, verläuft anders als meine Forschung. Die große Zahl der Seminarteilnehmer und die Intensität des einzelnen Kontaktes erlauben mir einen guten Überblick über das Geschehen insgesamt. Ich durfte den Frauen und Männern jeweils über mehrere Tage hinweg persönlich sehr nah kommen. Zudem habe ich oftmals noch mehrere Monate nach dem Seminar Feedback zu ihrer weiteren Entwicklung bekommen. Damit habe ich eine Einsicht erlangt, die weitaus tiefer ist als es in vielen wissenschaftlichen Studien möglich ist.

Setzen Sie die Betroffenen nicht noch weiter unter Druck, wenn Sie ihnen die Verantwortung für ihren Zustand selbst zuschreiben?

Ich unterscheide zwischen Verantwortung und Schuldzuweisung, auch bei den Betroffenen. Sicherlich ist es bequemer zu sagen „mein Job ist schuld. Aber langfristig gibt es bessere und gesündere Wege. Wenn die Betroffenen erst einmal erkannt haben, dass die fundierte Beschäftigung mit sich selbst Früchte trägt, kann die Arbeit an der eigenen Identität auch zu einem großen Befreiungsschlag führen und damit sehr entlastend wirken.

Ich bekomme viele begeisterte Rückmeldungen aus meinen Seminaren. Die Teilnehmer schildern, wie sich ihr Leben grundlegend geändert hat. Und manchmal schreiben dann auch die Partner, wie hilfreich das für die Beziehung gewesen ist.